Leserbrief von P.Eschke zu „Flut-Risiko“

Hinweis

Mit Befremden las ich, dass Frau Weigel-Greilich ein Versagen des Staudammes für möglich hält und in diesem Fall glaubt „die Welle könnte die Löberstraße mit voller Wucht treffe“

Als Fachmann Wasserbau und Hochwasserwirkung kann ich den Anwohnern in der Löberstraße und Lonystraße sagen, dass ein solches Hochwasserereignis bei Bruch des Staudammes des Schwanenteichs sich nicht ereignen wird.

Die aufgestaute Wassermenge ist überschaubar. Sofern die Sickerwassermengen tatsächlich zu einem hydraulischen Grundbruch am Staudamm führen würden, wäre durch die geringe Wassertiefe und großen Fläche des Teiches keine Abflusswelle in der Wieseck von mehreren Metern zu erwarten. Auch den Archivräumen im Rathaus droht keine Gefahr.

Man kann Frau Weigel-Greilich, da sie keine wasserbautechnische technische Ausbildung hat, zunächst diesen Fehler nachsehen. Aber im Rathaus gibt es in den Reihen der Mittelhessischen Wasserbetriebe (MWB) Fachleute, die sie sicher beraten hätten. Weshalb sie diese Beratung nicht gesucht hat, bleibt ihr Geheimnis. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass nach meiner Einschätzung zunächst mal ganz andere Fragen zu klären wären:

(1) 1st das Gewässer Wieseck unter den derzeitigen und auch zukünftigen Klimabedingungen in der Lage. hinreichend Wasser für die Beschickung des Neuen Teiches« und des Schwanenteichs zu liefern? Oder muss gegebenenfalls die Wasserfläche beider Teichanlagen verkleinert werden?

(2) Ist das Wieseckwasser mit seinen Nährstoffinhalten Phosphor (P) und Stickstoff (N) überhaupt geeignet, die beiden Teiche zu beschicken? Da die Algenproblematik der Teiche schon viele Jahre besteht, haben die MWB vor etwa zehn Jahren. auf meine Initiative hin. Prof. Ute Windisch von der Technischen Hochschule Mittelhessen beauftragt. die Qualität des Wieseckwassers zu untersuchen. Das Fazit der Forschungen war: Lediglich bei ablaufender Hochwasserwelle wäre das Wieseckwasser halbwegs geeignet, Teichanlagen zu befüllen. Da dieser Abflusszustand in der Wieseck nur für wenige Tage im Jahr besteht. wird in den verbleibenden Zeiträumen Wieseckwasser mit zu hohem P- und N-Gehalt zur Bespannung (Befüllung) der Teiche benutzt. Da andere Wasserquellen nicht vorliegen, muss derzeit dieses ungeeignete Wasser genutzt werden. Daher wäre zu prüfen. wie man die Nährstoffe aus dem Wieseckwasser entfernen kann. Entweder durch Beratung der Flächenbewirtschafter im Einzugsgebiet der Wieseck oder durch Behandlung eines Wasserteilstroms, der für die Teichbespannung genutzt wird. Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, ist es nach meiner Einschätzung unverantwortlich, Mittel für das Projekt Bitterling auszugeben.

Mein Vorschlag:

{A) Zeitnah sollten die undichten Dammstrecken mit einer Dichtwand oder einem gleichwertigen Verfahren geschlossen werden.

(B) Parallel dazu sollte mit allen Beteiligten. also Ortslandwirten, Vertretern der Gemeinden im WiesecktaJ, der Unteren und der Oberen Wasserbehörden und der beteiligten Ämter in der Stadtverwaltung Gießen gesprochen werden. wie die Probleme an den Teichen zu beheben sind. Erst wenn dieses Konzept feststeht, macht es nach meiner Einschätzung Sinn das Projekt Bitterling weiter zu verfolgen.

Peter Eschke, Gießen.

  • Diplom-Ingenieur und Sachkundiger für den Hochwasserpass des HochwasserkompetenzCentrums KöIn (HKC) e.V.
  • ehemaliger Mitarbeiter im Sachgebiet Wasserbau der Mittelhessischen Wasserbetriebe

Hinweis

Der Leserbrief von Peter Eschke wurde nach meiner Kenntnis in der 41. KW in beiden Gießener Tageszeitungen abgedruckt; der hier wiedergegebene Text beruht auf der ASCII-Version, die uns dankenswerterweise überlassen wurde.[zurück zum Anfang]

V.i.S.d.P.: Wilhelm Pastoors